(23. Mai – 26. Juni 2026)
convivial grounds – have you seen our cat? — mit 倪島島 Ni Daodao, Kim Lang, Norma Rizzo
und Patricia Meier
Hier, inmitten einer globalen Nachbar:innenschaft – in einer zunehmend vernetzten Welt, in der gleichzeitig räumliche, soziale und ökologische Grenzen immer mehr markiert und erfahrbar werden, sucht diese Ausstellung nach einer Katze. Nach unserer Katze – nach einer von vielen, die doch niemandem gehört.
Sie bewegt sich entlang und jenseits dieser Linien, erscheint und verschwindet wieder, immer in Bewegung in ihren eigenen Zeitlichkeiten und Strukturen. Sie spielt, sie wartet, sie schläft und sie jagt. Sie hat ihre eigene Sprache. Und sie spricht zu uns, zirkuliert zwischen uns und anderen. Immer wieder unterläuft sie Grenzen, ohne diese aufzuheben. Sie tritt in neue Beziehungen, ohne diese zu verfestigen. Sie kommt näher und mit einem Satz entzieht sie sich wieder.
Wie die Katze streifen auch die in der Ausstellung versammelten Arbeiten in Form von Video, Text sowie performativen und materiellen Praktiken durch unterschiedliche Räume, Zeitlichkeiten und Zustände. Sie folgen zyklischen Prozessen, Verschiebungen und Überlagerungen, stellen Verbindungen her, die keine Stabilisierung anstreben, und begreifen das Vorläufige, Prozessuale und Wiederkehrende als Bedingung von Beziehungen.
Ausgangspunkt der Arbeit Dedicated to Mishu ( The Father ) von 倪島島 Ni Daodao bildet die Begegnung von Ni mit der Katze Mishu, die regelmässig durch Nis Garten schlenderte, auf der Suche nach Futter. Je besser sie sich kennenlernten, desto mehr erinnerte die wütende und aggressive Art der Katze Ni an den eigenen und entfremdeten Vater in China. Die Beziehung zur Katze und damit verbundene Übertragungen boten Ni die Möglichkeit, innere Grenzen und Verbindungen zum abwesenden Vater zu reflektieren.
Die Arbeit Dedicated to Mishu ( The Father ), bestehend aus neun «Visual / Tactile Poetry» unterliegt keiner klar definierten Konstellation: Sie ist im ständigen Werden begriffen und kann sich immer wieder neu an gegebene Situationen anpassen. Zusammengehalten wird sie durch die Berührung – den Kontakt von Magneten – durch sichtbare und unsichtbare, äussere wie innere Kräfte. Kräfte, die sich verbinden als auch abstossen können. Dedicated to Mishu ( The Father ) wirft ebenso Fragen zu menschlicher wie auch tierischer Liebe auf, wie Fragen zu Vorstellungen davon, was Eigentum, Intimität und persönliche Freiheit ausmacht.
Norma Rizzo bedient sich ihrerseits der Imagination, um Zugang zu inneren Prozessen herzustellen, Prozesse, die sich nach aussen hin als Wiederholungszwang am eigenen Körper austragen. Ausgehend vom Versuch, das unkontrollierbare Verlangen nach «Häutungsritualen» zu verstehen, setzt sie die Skin Picking Disorder in Beziehung zu Hauterneuerungsprozessen einer Schlange. Die Haut erscheint dabei nicht als klare Grenze zwischen Innen und Aussen, sondern als durchlässige Oberfläche. Die eigenen Gedanken mäandrieren an dieser Grenze, zwischen innerer Zerrissenheit und den äusseren Ritualen und Bewegungen der Schlange. Die Schlange wird zum Gegenüber, zur Begleitung, zum Ich – wobei dieses zugleich giftig und heilend, vermeintlich nah und doch unzugänglich erscheint. Im Imaginieren entwirft die Künstlerin ein Narrativ, welches weder klaren Anfang noch eindeutiges Ende erkennen lässt; vielmehr lässt sich ihm wie einer endlosen Denkspirale folgen, wobei sich jeder Gedanke weiterschlängelt, sich immer wieder zersetzt und transformiert. Dabei werden die Gedanken erst in der Berührung lesbar. Das Natternhemd zeugt davon, dass Erlebtes nicht allein verarbeitet werden kann, sondern im Kontakt mit Raum, in Bewegung, mit und durch andere Körper hindurch.
Kim Lang verhandelt in ihrer Arbeit das Ineinandergreifen menschlicher und nicht-menschlicher Prozesse, innerhalb einer situierten Praxis, die sich selbst als Teil eines metabolischen Beziehungsgeflechts versteht. In ihrer Arbeit 8kg Landschaft wird Land – Boden – Korn – Mehl – Brot zum Tisch – zum Möbel, einem Bestandteil des menschlichen Wohnraums, dessen Strukturen oftmals festgelegt und nach aussen hin abgegrenzt erscheinen. Durch die Umnutzung des Materials unterwandert die Arbeit gewohnte Ordnungen und macht sichtbar, wie Nahrung, Material, Raum und Körper nicht getrennt voneinander existieren, sondern durch Zyklen des Austauschs und Wandels miteinander verbunden sind. Körper erscheinen dabei nicht als abgeschlossene Einheiten, sondern als temporäre Verdichtungen dieses Gefüges: Sie nehmen auf, lagern ein und werden selbst Teil dessen, was sie umgibt. Raum, Landschaften und Zeiten. So wandert der Tisch nach der Ausstellung zurück in die Engadiner Landschaft, wo er als Futter für die «Geissen» wieder in den Stoffwechsel der Landschaft übergeht. Landschaft wird hier nicht als statischer Hintergrund begriffen, sondern als erweitertes, nicht-menschlich-zentriertes Feld von Nachbar:innenschaft, in der Zeit nicht linear verläuft, sondern sich in parallelen und zyklischen Bewegungen organisiert.
Der Kreislauf, die Bewegung in Kreisen und die Wiederholung werden auch in der Arbeit Go! Go! Go! Go! Go! Go! Go! von Patricia Meier zu zentralen Strukturprinzipien. Im Zentrum ihrer Videoarbeit stehen ihre eigenen Hunde. Sie rennen im Kreis über zwei Bildschirme hinweg, verschwinden im einen Bild und tauchen im anderen wieder auf, als würde sich ihre Bewegung durch den Raum hindurch fortsetzen. Während die Arbeit im Garten der Künstlerin in Zürich ihren Anfang nahm, wurde sie schliesslich in Singapur fertiggestellt. Indem das Bild mit dem Ton des singapurischen Ampelsignals unterlegt wurde, entstehen in der Arbeit nicht nur räumliche Parallelitäten und Verschiebungen, es werden auch zwei unterschiedliche Regime von Kommunikation miteinander in Beziehung gesetzt: das spielerisch-körperliche Bewegungsprinzip der Hunde und die codierte Signalstruktur der Stadt. Der choreografierten Bewegung innerhalb eines stark regulierten urbanen Raums steht das Spiel der Hunde, als eine vermeintlich nicht zweckgebundene, überschüssige Bewegung ohne Ziel, gegenüber. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Wahrnehmung nicht-menschlicher Bewegungen und wie sich darin unsere eigenen Vorstellungen von Sinn und Ordnung verschieben.
Irgendwo begegnen wir ihr, unserer Katze. Sie blickt uns an.
Gemeinsam flanieren wir weiter, ohne konkretes Ziel.
Irgendwann werden wir schon ankommen, wenn wir lange genug gehen.*
* angelehnt an den Dialog zwischen Alice und der Katze aus Alice’s Adventures in Wonderland von Lewis Caroll